Forschungsprojekt zur Bau- und Architekturgeschichte des Hallesches Waisenhauses mit architektur-, kultur- und sozialhistorischen Perspektiven
Die Bau- und Architekturgeschichte der Franckeschen Stiftungen

Projekt
Die in den letzten Jahren erfolgten Forschungen zur Architektur der Franckeschen Stiftungen und ihren Wirkungsabsichten haben deutlich werden lassen, dass es sich beim »Waisenhaus« in Halle um eine im Barock wohl singuläre Anlage handelt. Hier wurde eine neue Formensprache öffentlich-repräsentativen Bauens entwickelt, um fundamentale gesellschaftliche Aufgaben – Frömmigkeit, Erziehung, Bildung, Sozialfürsorge – in einen neuen räumlichen Gesamtzusammenhang zu stellen und durch diesen zu prägen. Die Forschungen verknüpfen architektur-, kultur- und sozialhistorische Perspektiven. Sie fokussieren – national und international vergleichend – auf zwei miteinander verbundene Themenbereiche: Zum einen geht es darum, konkret weiteres Wissen zu den Stiftungsbauten zu generieren (auch in technischer und baugeschichtlicher Hinsicht, wie z. B. zu den Holzkonstruktionen und den Mansarddächern), und zum anderen darum, den bislang wenig beachteten Gesamtzusammenhang der Bauaufgaben Sozialfürsorge und Bildung im Zeitalter des Barock zu thematisieren.
Bildung für alle im 18. Jahrhundert?
Die Franckeschen Stiftungen als frühneuzeitliche Bildungsarchitektur
Das vom Land Sachsen-Anhalt geförderte Projekt widmet sich der Erschließung und konzeptionellen Durchdringung der frühneuzeitlichen Quellen zur Geschichte der Schulen der heutigen Franckeschen Stiftungen, die im 18. Jahrhundert als Glauchasche Anstalten bezeichnet wurden. Im Fokus steht dabei die Verbindung der Schularchitekturen mit dem hier entwickelten und wirksam gewordenen spezifisch pietistisch fundierten Pädagogikkonzept. Dieses zielte auf die Bildung und Erziehung von Kindern aller Stände, auf Jungen und Mädchen.
Während in früheren Jahrhunderten Unterricht oft in ein und demselben Raum im Haus des Lehrers stattfand, sind Schulen heute eigenständige, räumlich ausdifferenzierte und hochspezialisierte Einrichtungen, deren Funktionen und pädagogische Leitlinien sich in der Architektur und inneren Struktur widerspiegeln. Den epochalen Bruch mit dem Unterricht in Lehrerwohnhäusern oder auch in säkularisierten und dann umfunktionierten Klöstern hin zu planvoll angelegten und räumlich ausdifferenzierten Schulneubauten sieht die Forschung gemeinhin in der Zeit um 1800. Als ausschlaggebend für diese Entwicklungen wird hierbei die durch die Aufklärung geprägte Reformpädagogik angeführt, was sich in der Gründung zukunftsweisender Schulen wie dem Dessauer Philanthropin oder der Schule in Schnepfenthal niedergeschlagen habe.

Übergreifende oder vergleichende Studien zu Schulen oder Bildungsarchitekturen für die Zeit davor finden sich hingegen kaum. Hermann Langes grundlegende Studie »Schulbau und Schulverfassung der frühen Neuzeit« von 1967 ist hier nach wie vor eine zentrale Referenz. Gleichwohl liegen zu städtischen oder Landesschulen sowie Ritterakademien und Universitäten zahlreiche Einzelstudien vor, die auf eine reichhaltige Bildungslandschaft und -architektur in der Frühen Neuzeit schließen lassen.
Das Projekt setzt sich zum Ziel, auf der Basis des umfangreichen historischen Quellenmaterials (Schulordnungen, Architekturpläne etc.) die Schularchitektur und die Schulräume der frühneuzeitlichen Glauchaschen Anstalten in vergleichender Perspektive zu analysieren. Mit diesem über den Einzelfall hinausgehenden Zugriff leistet das Projekt zudem einen Beitrag zum benannten Forschungsdesiderat zu Schularchitekturen vor 1800. Einen ersten Einblick in die Analyse der historischen Architekturpläne und die daraus abgeleiteten Ergebnisse für die Baugeschichte der Stiftungen bietet der Forschungsbericht »Study in pink« von Thomas Grunewald.
Die seit langem betriebenen Forschungen zum pietistischen Kinder- und Menschenbild, zu Unterricht und Schulen der Anstalten, zu SchülerInnen und LehrerInnen sollen mit den architektonischen und räumlichen Gegebenheiten der Gebäude sowie der inneren Organisation in Verbindung gebracht werden. Hierbei ist die Frage zu erörtern, ob und, wenn ja, in welchem Maße sich das pietistische Bildungskonzept in der Anlage der Gebäude, ihren räumlichen Strukturen und der sozialen Organisation widerspiegelt. Die Glauchaschen Anstalten stellten im 18. Jahrhundert eine exzeptionelle Bildungseinrichtung dar, an der alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Stand und Geschlecht, Bildung erwerben konnten und erzogen werden sollten.
Veranstaltungen
Historische Schulbibliotheken im Dialog zwischen Bibliotheken, Schulen und Forschung
Tagung der Franckeschen Stiftungen in Kooperation mit dem Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF Berlin.
Schulbibliotheken mit historischen Buchbeständen sind im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert. Dabei enthalten sie vielerorts Kulturschätze ersten Ranges, die zugleich wertvolle Quellen zur Erforschung der Bildungs- und Wissensgeschichte darstellen. Unbestreitbar ist ihre Kernfunktion in der Bücherversorgung für den Unterricht und zu dessen Vorbereitung.
Die Tagung ist ein Kooperationsprojekt der Franckeschen Stiftungen zu Halle, des Instituts für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF. Sie möchte Vertreter:innen aus Bibliotheken, Schulen und Wissenschaft in einen Dialog bringen und Geschichte und Gegenwart historischer Schulbibliotheken in den Fokus rücken. Dabei hat sie die Vernetzung und die Verstetigung der Zusammenarbeit zum Ziel.

Interdisziplinäre und internationale Tagung »Waisenhäuser im europäischen Kontext der Neuzeit bis ca. 1850«
26.–28. Juni 2024, Kapitelsaal der Erzdiözese, Salzburg
Mitveranstalter
Archiv der Erzdiözese Salzburg
Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg
Institut für Österreichische Geschichtsforschung
Franckesche Stiftungen
Mitorganisation und Leitung
Jutta Baumgartner, Salzburg
Martin Scheutz, Wien
Alfred Stefan Weiß, Salzburg
Holger Zaunstöck, Halle

Tagungsband
Jutta Baumgartner, Martin Scheutz, Alfred Weiß, Holger Zaunstöck (Hg.): Waisenhäuser im europäischen Kontext der Neuzeit bis ca. 1850 – erscheint in den Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Wien 2025.
Zur Veranstaltung auf der Webseite der Universität Wien
Mehr ErfahrenFrühneuzeitliche Bildungsarchitekturen. Die »Schulstadt« Franckesche Stiftungen im Vergleich
Internationale und interdisziplinäre Tagung, 13.–15. Oktober 2022, Franckesche Stiftungen
Eine außergewöhnliche Bildungseinrichtung des 18. Jahrhunderts waren die Glauchaschen Anstalten, die heutigen Franckeschen Stiftungen, in Halle in Brandenburg-Preußen. Hier wurden junge Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status und ihrem Geschlecht erzogen und ausgebildet. Zu diesem Zweck wurde ein in vier Typen gegliedertes Schulsystem (Elementarschulen, Lateinschule, Königliches Pädagogium, Mädchenschulen) geschaffen, in dem lebensnaher Unterricht, Lehrerausbildung und Begabtenförderung systematisch angewandt wurden. Das zugrundeliegende pietistische Erziehungskonzept ist in den erhaltenen Gebäuden der Stiftungen, die auch heute noch für pädagogische Zwecke genutzt werden, ablesbar. Doch wie außergewöhnlich waren die Stiftungen in einer übergreifenden, vergleichenden und internationalen Perspektive?
Während im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der Unterricht oft in ein und demselben Raum im Haus des Lehrers stattfand, sind Schulen heute eigenständige, räumlich differenzierte und hoch spezialisierte Einrichtungen, deren Funktionen und pädagogische Leitlinien sich in der Architektur und inneren Struktur widerspiegeln. Den epochalen Umbruch vom Unterricht in Lehrerhäusern oder in säkularisierten und dann umgewandelten Klöstern zu geplanten und räumlich differenzierten Schulneubauten sieht die Forschung allgemein in der Zeit um 1800. Als ausschlaggebend dafür wird die von der Aufklärung geprägte Reformpädagogik genannt, die sich in der Gründung zukunftsweisender Schulen niederschlug. Ist dieses Paradigma noch aktuell?

Schaut man sich die Forschung an, so gewinnt man den Eindruck, dass es eine Vielzahl lokaler Studien zur Geschichte des Schulbaus vor 1800 gibt, die jedoch bisher - vor allem in internationaler Perspektive - unverbunden nebeneinander stehen. Umfassende und vergleichende Studien zu Schulbauten und Bildungsarchitektur in der Frühen Neuzeit gibt es jedoch kaum. Hermann Langes grundlegendes Buch "Schulbau und Schulverfassung der frühen Neuzeit" von 1967 ist hier immer noch eine zentrale Referenz. Wie kann also eine vergleichende Architekturgeschichte von Schulbauten und Bildungsräumen auf der Basis der Sozial-, Kultur-, Religions- und Bildungsgeschichte konzipiert werden?
Ausgehend von diesen Befunden und Fragestellungen setzt sich die internationale Tagung aus interdisziplinärer Perspektive mit der Bildungsarchitektur der Frühen Neuzeit in Theorie und Praxis auseinander. Zugleich soll ein internationaler Arbeitszusammenhang zum Thema hergestellt werden, der fruchtbare und differenzierte Forschungen in verschiedenen Ländern miteinander verbindet. Dabei kommen sowohl konkrete Architekturbeispiele aus verschiedenen politischen Territorien und religiösen Kulturräumen als auch unterschiedliche Bildungskonzepte in den Blick. Lassen sich eigenständige, differenzierte Entwicklungslinien in der Geschichte des vormodernen Schulbaus ausmachen? Und inwieweit lassen sich Rezeptionen und Adaptionen länder- und kulturübergreifend beschreiben?
Programm und Abstracts
»Die andere Seite des Barocks«
Sozialfürsorge- und Bildungsbauten im 17. und 18 Jahrhundert, 06.–08. April 2016
Publikationen


tief verwurzelt – hoch hinaus
Die Baukunst der Franckeschen Stiftungen als Sozial- und Bildungsarchitektur des protestantischen Barock
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