Schüler:innenleben und Schulstadt im 19. und 20. Jahrhundert

Klasse III des Lyzeums bzw. der Höheren Töchterschule der Franckeschen Stiftungen, Halle, 1919

Mit Blick auf die wissenschaftliche Erforschung der Franckeschen Stiftungen liegt der zeitliche Schwerpunkt eindeutig auf dem 18. Jahrhundert. Angesichts der weltweiten Ausstrahlung der Stiftungen in dieser Zeit gibt es dafür nachvollziehbare Gründe.

Projekt

Die Stabsstelle hat es sich jedoch auch zur Aufgabe gemacht, gezielt Forschungen zur Stiftungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu stärken. Zum einen blieb der Charakter der Stiftungen als »Schulstadt«, die sich zur »Stadt in der Stadt« entwickelte, ziemlich einzigartig. Zum anderen ist die überlieferte Dichte des Archiv- und Quellenmaterials so reichhaltig und vielfältig, dass sie einen thematisch ausdifferenzierten Zugriff auf die Schulgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert erlaubt. 

Der Historiker Daniel Watermann wurde durch das Dr. Liselotte Kirchner-Stipendienprogramm gefördert, um den Themenschwerpunkt »Schüler:innenleben im 19. und 20. Jahrhundert« weiter zu erforschen. Aufbauend auf umfangreiche Vorarbeiten und aktuellen Debatten in der historischen Bildungsforschung sollen dezidiert die Deutungen, Erfahrungen und Biografien von Schüler:innen Ausgangspunkt sein und in den Mittelpunkt gerückt werden.

Ein Projekt zu Schülervereinen wurde bereits erfolgreich abgeschlossen (siehe unten). Zwei weitere Projekte zu Lebensläufen/Bildungsgängen von Schüler:innen in der Weimarer Republik sowie zur Geschichte der Alumnate/Internate der Franckeschen Stiftungen werden aktuell konzipiert.

Veranstaltungen

Workshop »Räume der Erziehung. Historische und bildungshistorische Perspektiven auf Internate im deutschsprachigen Raum«

27. Februar 2026

Internate waren im 19. und 20. Jahrhundert vielfältige Räume schulischer Erziehung, sozialer Ordnung und alltäglichen Zusammenlebens. Der Workshop untersuchte die Wechselwirkungen zwischen pädagogischen Konzepten, räumlichen Strukturen, Alltagspraktiken und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Durch vergleichende Perspektiven sollte sichtbar werden, welche unterschiedlichen Formen und Funktionen diese Einrichtungen prägten und wie sie sich im Kontext gesellschaftlicher Transformationen und Brüche entwickelten.

Seminar »Schüler:innenleben vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus – Alltag, Freizeitverhalten und politische Positionen von Schülerinnen und Schülern höherer Schulen«

Sommersemester 2025

Am Institut für Pädagogik der MLU Halle-Wittenberg bot Daniel Watermann ein Seminar an, in dem die innovative bildungshistorische Perspektive auf das Schülerinnen- und Schülerleben um 1900 kritisch diskutiert und anhand von Fallbeispielen aus den drei höheren Schulen der Franckeschen Stiftungen eingehender in den Blick genommen wurde.

Vortrag »Selbstbild und Krise – Autobiografische Lebensläufe von Schülerinnen und Schülern in der Weimarer Republik«

03. April 2025

Im Rahmen des Kolloquiums »Neuere und Neueste Geschichte und Zeitgeschichte« (Prof. Theo Jung / Prof. Patrick Wagner) am Institut für Geschichte der MLU Halle-Wittenberg stellte Daniel Watermann ein Projektvorhaben vor, mit dem erstmals die Lebensläufe von Schülerinnen und Schülern der Franckeschen Stiftungen auf breiter Quellenbasis untersucht werden soll. Die Lebensläufe hatten Schülerinnen und Schüler bei der Anmeldung zur Reifeprüfung einzureichen. Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Idee, die in den Lebensläufen entworfenen Selbstbilder der Schülerinnen und Schüler vor dem Hintergrund der von grundlegenden gesellschaftlichen Transformationen geprägten Jahre der Weimarer Republik zu analysieren.

Vortrag »›Auf ungebahnten Pfaden in Kaiserwilhelmsland‹ – Koloniale Kontexte in den Debatten des Schülermissionsvereins der Franckeschen Stiftungen im frühen 20. Jahrhundert«

16. November 2024

Der 24. Tag der hallischen Stadtgeschichte widmete sich dem Thema »Halle und der Kolonialismus«. Daniel Watermann problematisierte in seinem Vortrag die Debatten über den Zusammenhang von Mission und Kolonialismus im Schülermissionsverein der Franckeschen Stiftungen. Für diesen Verein sind die Sitzungsprotokolle der Jahre 1910 bis 1913 überliefert, anhand derer Watermann aufzeigte, dass insbesondere die deutschen Kolonien fortlaufendes Thema der Vereinssitzungen waren und aus den zusammengefassten Vortragsthemen in den Protokollen die Position des Vereins sehr deutlich wurde. Wie die anderen Schülervereine der Stiftungen kann auch beim Schülermissionsverein kein Zweifel daran bestehen, dass man sich dem bürgerlich-nationalen Lager im Deutschen Reich zugehörig fühlte und grundsätzlich Kolonialbesitz des Deutschen Reiches mit all seinen Chancen für die Mission befürwortete. Die Vorstellung der Missionierung war im Verein wesentlich dadurch bestimmt, dass das Christentum nicht nur theologisch als den anderen Religionen überlegen wahrgenommen wurde, sondern dass mit seiner Ausbreitung zur Zivilisierung der Welt beigetragen werden könne.

Publikationen

Coverabbildung des Ausstellungskataloges Bd. 36 Moderne Jugend?

»Moderne Jugend? Jungsein in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933.«

Die Jugend ist die Zeit des Aufbruchs, der Risikobereitschaft und des Vorwärtsdrängens, aber auch die Zeit großer Fragen und Verunsicherungen.

Zum Katalog

Buchprojekt »Schülervereine in den Franckeschen Stiftungen 1843–1945«

Schülervereine um 1900 sind in der neuen Forschung bisher kaum in den Blick genommen worden. Die Monografie von Daniel Watermann ist daher auch als Pionierstudie zu einer Form jugendlicher Selbstorganisation anzusehen, die in der bisher vor allem auf die Jugendbewegung konzentrierten Forschungsliteratur keine Beachtung gefunden hat.

Zur Publikation

Aufsatz »Sport in den Franckeschen Stiftungen zwischen 1890 und 1933«

Der 21. Tag der hallischen Stadtgeschichte am 13. November 2021, veranstaltet vom Verein für hallische Stadtgeschichte e.V., widmete sich dem Thema »Kein Abseits! Geschichte und Kultur des Sports in Halle«. In Vertiefung seines Beitrags zur Jahresausstellung 2019 erörterte Tom Gärtig in diesem Rahmen unter der Überschrift »›ein erziehliches Mittel ersten Ranges‹. Turnen, Spiel und Sport in den Franckeschen Stiftungen 1890–1933« die ambivalente Rolle des Sports in den Stiftungsschulen und -sportvereinen zur damaligen Zeit. Neben dem Turnen, Croquet, Tennis und Cricket begeisterte auch der aus England importierte Fußball die männliche Stiftungsjugend. Die Möglichkeiten sportlicher Betätigung nahmen für Mädchen jedoch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nur langsam zu. Entsprechend der Forderung Kaiser Wilhelms II. (1859–1941) sollte der Sport vor allem dafür sorgen, die männliche Jugend körperlich zu ertüchtigen und damit wehrtauglich zu machen. Daneben sollte er auch ein Mittel sein, körperliche Spannungen abzubauen, um sexuellen Handlungen von Jugendlichen vorzubeugen.

Der Aufsatz erscheint im »Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte« 2024. 

Aufsatz »Diskussionen um ›gute‹ und ›schlechte‹ Kinder- und Jugendliteratur zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs«

Der Aufsatz »Diskussionen über ›Schmutz und Schund‹ in der Kinder- und Jugendliteratur im Deutschen Kaiserreich« (Kinder- und Jugendliteratur & Medien – kjl&m 4/2021) von Claudia Weiß untersucht am Beispiel der Schulen und des Verlags der Franckeschen Stiftungen das Ringen unterschiedlicher Gruppen um eine für Heranwachsende geeignete Literatur. Zu dieser Zeit kamen neue Literaturformate wie Heftserien mit unterhaltsamen Kriminal-, Abenteuer- und Liebesgeschichten auf, welche insbesondere Kinder und Jugendliche begeisterten. Gleichzeitig mit solchen Veränderungen auf literarischem Gebiet, aber auch der Entstehung des neuen Mediums Film, entwickelte sich eine teils öffentlich, teils privat geführte Diskussion um den ›richtigen‹ Mediengebrauch Heranwachsender. An der unter dem historischen Begriff des »Kampfes gegen Schund und Schmutz« geführten Auseinandersetzung waren unterschiedliche, sich teils gegenüberstehende Gruppen, v. a. aus den Bereichen Bildung, Erziehung und Politik, beteiligt.

Im Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle erschienen zahlreiche Schriften zum Thema »Schund und Schmutz«. Diese in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen überlieferten Drucke geben Einblicke in die kontroverse Diskussion um ›gute‹ Kinder- und Jugendliteratur und verweisen auf konkrete lokale Auswirkungen wie Ausstellungen über die sogenannte Schundliteratur, welche hallesche Schüler:innen und Lehrer:innen zu besuchen hatten.

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