Alchemie und Pietismus

DFG-gefördertes Projekt zum Verhältnis von pietistischer Religiosität und alchemischen Praktiken im Kontext der spekulativen Alchemie am Halleschen Waisenhaus

Projekt

Im Zentrum des Projekts steht die Bestimmung des Verhältnisses von pietistischer Religiosität und alchemischen Praktiken sowie theoretischen Übernahmen aus der spekulativen Alchemie am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert. Eine Kernthese ist dabei, dass die dort praktizierte Pharmazie und Medizin enger als bisher angenommen mit der medizinischen Alchemie der Frühen Neuzeit verbunden waren.

Das von Prof. Dr. Holger Zaunstöck geleitete Forschungsprojekt ist im April 2023 an der Stabsstelle Forschung der Franckeschen Stiftungen angelaufen. Ausgehend von der Beobachtung, dass alchemische Praktiken der Medikamentenherstellung im 18. Jahrhundert eine entscheidende Grundlage für die Arbeit in den Laboratorien der am Halleschen Waisenhaus angesiedelten Apotheke und Medikamenten-Expedition darstellten, geht die Projektbearbeiterin Claudia Weiß der Frage nach, welche konkreten alchemischen Wissenspraktiken hier wirksam wurden. Dabei wird untersucht, welche naturphilosophischen Grundannahmen aus der alchemischen Tradition die medizinischen Auffassungen der Pietisten am Halleschen Waisenhaus beeinflussten.

Ziel des Projekts ist es, das umfangreiche pharmaziehistorische Quellenkorpus in Archiv und Bibliothek der Franckeschen Stiftungen – insbesondere die zahlreich überlieferten Laborberichte und alchemischen Manuskripte – erstmals einer eingehenden wissensgeschichtlichen Analyse bezüglich der alchemischen Praxis und argumentativen Einbettung in den Pietismus zu unterziehen.

Kooperationen und Internationales

Es besteht eine Mitgliedschaft im interdisziplinär sowie international zusammengesetzten »Netzwerk Alchemie«, auf dessen regelmäßigen Arbeitstreffen aktuelle Forschungsvorhaben und -fragen sowie Publikationen der Alchemiegeschichte vorstellt und diskutiert sowie Impulse für neue Projekte und weiterführenden fachlichen Austausch gesetzt werden.

Ein Kooperationspartner ist außerdem Prof. Dr. rer. nat. habil. Peter Imming, Leiter des Institutsbereichs Pharmazeutische/Medizinische Chemie und Klinische Pharmazie des Instituts für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG).

Darüber hinaus besteht eine Kooperation mit der seit Jahren auf dem Feld der Alchemiegeschichte forschenden Kunsthistorikerin und Kuratorin am Christian-Wolff-Haus/Stadtmuseum Halle Dr. Berit Wagner, welche das Forschungs- und Studierendenprojekt »Matthäus Merian d.Ä. und die Bebilderung der Alchemie um 1600« der Goethe-Universität Frankfurt am Main leitete.

Veranstaltungen

Vortragsabende »Pharmazeutische Wissenswelten in Geschichte und Gegenwart«

24. April 2025 und 13. November 2024, zusammen mit dem Institut für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Am ersten Abend (13. November 2024) wurde der Fokus auf pflanzenheilkundliches Wissen gelegt, das in unterschiedlichen Kontexten in Vergangenheit und Gegenwart gewonnen und ausgetauscht wurde bzw. wird. Vorgestellt wurde das Kooperationsprojekt »Tri-Sustain«, das die pharmazeutische Nutzung afrikanischer Pflanzen erforscht – es ist ein Zusammenschluss von Forschenden mehrerer Länder Subsahara-Afrikas sowie der MLU Halle. Dies wurde in Beziehung gesetzt zu Praktiken arzneikundlicher Wissensproduktion in Missionen des 17./18. Jahrhunderts.

Am zweiten Abend (24. April 2025) wurden aktuelle Ergebnisse aus der pharmaziegeschichtlichen Forschung zur alchemischen Praxis am Halleschen Waisenhaus, den heutigen Franckeschen Stiftungen, vorgestellt. Eingeleitet wurden diese durch einen Überblick zur Labortechnik des Destillierens seit der Antike. Präsentiert wurde außerdem ein Projekt, welches eine herausragende handschriftliche Quelle alchemischen Wissens – eine umfangreiche, gebundene Rezeptsammlung des Alchemikers Samuel Richter von 1712 – erstmals für die Forschung und die Allgemeinheit digital verfügbar macht.

Workshop »Alchemisches Wissen und praktisches Laborieren. Arzneimittelproduktion in der Frühen Neuzeit«

5.–6. März 2025, Franckesche Stiftungen

Im Mittelpunkt des intedisziplinären und öffentlichen Workshops, welcher im Rahmen des DFG-Projekts stattfand, standen die medizinische Alchemie und mit ihr verknüpfte frühneuzeitliche alchemische (Wissens-)Praktiken. Der Workshop ermöglichte hierzu einen fachlichen Austausch aus sowohl wissensgeschichtlicher wie auch pharmazie- und chemiegeschichtlicher Perspektive. 

Zum Workshopbericht

Vortrag auf dem Arbeitstreffen des Netzwerks Alchemie »Alchemieforschung im Labor und in der Bibliothek«

14. Oktober 2024, Gotha

Auf dem Herbsttreffen des Netzwerks Alchemie wurde ein spezifischer Teilaspekt des DFG-Projekts zur Alchemie am Halleschen Waisenahaus vorgestellt. Thematisiert wurde der Wissensaustausch zwischen verschiedenen Akteuren am Waisenhaus und waisenhausexternen Kommunikationspartnern zur praktischen und spekulativen Alchemie sowie weiteren theosophisch-hermetischen Wissensbeständen.

Zum Workshopbericht sowie -programm

Vortrag auf der Tagung »Christian Knorr von Rosenroth und der Pietismus«

4.–6. Juli 2024, Sulzbach-Rosenberg

Auf der 33. Tagung der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft hilt die Bearbeiterin des DFG-Projekts einen Vortrag zum Thema »Theosophisch-alchemischer Wissensaustausch um 1700. Verbindungslinien zwischen dem Halleschen Waisenhaus, Friedrich Breckling in den Niederlanden und dem Sulzbacher Hof«. In diesem wurde das intensive Interesse an der Verknüpfung von kabbalistischem und alchemischem Wissen betont, das Akteure des Halleschen Waisenhauses mit Protagonisten am Sulzbacher Pfalzgrafenhof sowie Friedrich Breckling (1629–1711) – einem Wegbereiter des Pietismus bzw. vehementen Kritiker innerhalb der lutherischen Kirche – verband. Dabei beschränkte man sich nicht auf das Feld der spekulativen Alchemie, sondern befasste sich auch eingehend mit dem praktischen Laborieren. Zu diesen Themen fand ein intensiver brieflicher Austausch zwischen Breckling und mehreren Protagonisten am Halleschen Waisenhaus, insbesondere dem Waisenhausgründer und -direktor August Hermann Francke (1663–1727), statt. Dabei kam es zu einer Rezeption alchemischer sowie kabbalistischer Wissensbestände, welche auf das Schaffen des Sulzbacher Kreises, insbesondere des Beamten und Universalgelehrten Christian Knorr von Rosenroth, zurückgingen. Die Ergebnisse der Tagung sind in einem Sammelband erschienen. 

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Vortrag »Alchemie am Halleschen Waisenhaus. Christian Friedrich Richter (1676–1711) – Pietist und alchemischer Praktiker?«

2. November 2021, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Der Vortrag von Claudia Weiß im Kolloquium »Neuere Forschungen zur Geschichte der Frühen Neuzeit und Landesgeschichte« der MLU Halle-Wittenberg befasste sich mit dem ersten Leiter der Medikamenten-Expedition sowie Entwickler der ersten hauseigenen Waisenhaus-Arzneimittel, welche auf alchemischen Rezepturen basierten. Bei der Medikamenten-Expedition handelte es sich um diejenige erwerbende Einrichtung am Halleschen Waisenhaus, welche für die Entwicklung und Produktion sowie den Versand der hauseigenen »Waysenhaus-Arzeneyen« zuständig war.

Vorträge bei der Nachwuchstagung der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus und im Forum junge Stadtgeschichte

20. Mai und 10. Oktober 2016, Franckesche Stiftungen

Bei den beiden Veranstaltungen referierte Claudia Weiß zum Thema »Alchemie und Hallescher Pietismus. Alchemistische Einflüsse auf die Pharmazie der Glauchaschen Anstalten im 18. Jahrhundert«. In Vertiefung der Vorträge sowie ihrer kurz zuvor verfassten Masterarbeit zum selben Thema erschien folgender Aufsatz in »Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus« (Bd. 43 – 2017): »Göttliche Arzneien oder Häresie? Alchemistische Pharmaka am Halleschen Waisenhaus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts«.

Publikationen

Digitalisat mit Transkription zu alchemischer Rezeptsammlung von Samuel Richter

Im Rahmen eines durch Mitglieder des Freundeskreises der Franckeschen Stiftungen geförderten Projekts wurde eine für das DFG-Projekt, aber auch für die alchemie- und hermetikgeschichtliche Forschung insgesamt bedeutende Quelle erstmals der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Die umfangreiche handschriftliche Rezeptsammlung aus dem Jahr 1712 wurde durch die Bearbeiterinnen Dr. Claudia Brandt und Claudia Weiß von März 2024 bis Januar 2025 vollständig transkribiert. Die Handschrift enthält insgesamt etwa 180 alchemische Rezepturen des alchemischen Theoretikers und Praktikers Samuel Richter (Pseudonym: Sincerus Renatus). Sie ist in zwei Teile gegliedert: Der erste Abschnitt beinhaltet zahlreiche teils gesammelte, teils von Richter selbst entwickelte alchemische Rezepturen, v. a. zur Herstellung des Steins der Weisen und zu Prozessen der metallurgischen Alchemie. Im zweiten Bereich der Handschrift sind unterschiedliche alchemische Arzneirezepturen enthalten, darunter zehn hauseigene Arzneimittel des Halleschen Waisenhauses. Das Digitalisat und die zugehörige Transkription sowie weitere Informationen zur Quelle sind in den Digitalen Sammlungen der Franckeschen Stiftungen zu finden.

Zu Digitalisat und Transkript

Aufsatz zum theosophisch-alchemischen Wissensaustausch des Halleschen Waisenhauses

Die auf der 33. Tagung der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft in Sulzbach vorgestellten Ergebnisse zum Thema »Theosophisch-alchemischer Wissensaustausch um 1700. Verbindungslinien zwischen dem Halleschen Waisenhaus, Friedrich Breckling in den Niederlanden und dem Sulzbacher Hof« sind im dazugehörigen Tagungsband erschienen:

Claudia Weiß: Theosophisch-alchemischer Wissensaustausch um 1700. Verbindungslinien zwischen dem Halleschen Waisenhaus, Friedrich Breckling in den Niederlanden und dem Sulzbacher Hof. In: Rosmarie Zeller (Hg.): Morgen-Glantz. Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft (Bd. 35). Lausanne, Berlin [u.a.] 2025, S. 227–246.

Zur Publikation

Aufsatz zur alchemischen Arzneikunst am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert

Dem Thema »Alchemie am Halleschen Waisenhaus« wurde im Rahmen der Jahresausstellung 2021 der Franckeschen Stiftungen unter dem Titel »Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert« ein eigener Ausstellungsraum – eingebettet in den pharmazie- und alchemiegeschichtlichen Kontext der Zeit – gewidmet. Unter der Überschrift »Stoffe zur Heilung – Im alchemistischen Laboratorium« wurden in vier Teilbereichen zentrale Aspekte vorgestellt. Im zugehörigen Ausstellungskatalog erschien ein entsprechender Aufsatz.


Claudia Weiß: „[V]on der löblichen Kunst Alchymia“. Alchemistische Pharmazie am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert. In: Holger Zaunstöck u. Thomas Grunewald (Hg.): Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert. Halle 2021 (= Kataloge der Franckeschen Stiftun-gen 38), 230–243.

Zum Katalog

Aufsatz zu Zusammenhängen zwischen Geologie und alchemischer Arzneiproduktion

In ihrem Aufsatz im Katalog zur Jahresausstellung 2020 der Franckeschen Stiftungen »Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie« geht die Projektbearbeiterin den Anleihen nach, welche die Arzneiproduktion am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert an naturphilosophischen Vorstellungen der Alchemie nahm. Kenntnisse sowie Ausgangsstoffe (Metalle, Mineralien etc.) aus dem Bergwerks- und Hüttenwesen spielten für die alchemische Laborarbeit und Medizin eine bedeutende Rolle und waren auch für die pharmazeutisch-alchemischen Praktiken am Halleschen Waisenhaus unverzichtbar.

Claudia Weiß: „In der Erde liegen die größten Geheimnisse“ – Von ,belebten‘ Steinen und Metallen und deren Bedeutung in der alchemistischen Arzneitradition. In: Tom Gärtig u. Claus Veltmann (Hg.): Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie. Halle 2020 (= Kataloge der Franckeschen Stiftungen 37), 43–53.

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Aufsatz zur Alchemie am Halleschen Waisenhaus im 18. Jahrhundert

In Band 43 der Reihe "Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus" erschien 2019 ein Aufsatz der Projektbearbeiterin, der den Fokus auf die Frage nach der Heterodoxieverdächtigkeit der Beschäftigung mit der Alchemie am Halleschen Waisenhaus im Kontext der dortigen Medikamentenproduktion richtete:

Claudia Weiß: Göttliche Arzneien oder Häresie? Alchemistische Pharmaka am Halleschen Waisenhaus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Pietismus und Neuzeit, Bd. 43 – 2017. Im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus hg. v. Rudolf Dellsperger, Ulrich Gäbler [u.a.]. Göttingen 2019, 110–142.

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Quellenedition zur Anfangszeit der Apotheke und Medikamenten-Expedition des Halleschen Waisenhauses

Eine Auswahl von drei Quellentexten zur Waisenhaus-Apotheke und Medikamenten-Expedition aus dem frühen 18. Jahrhundert, die alle von Christian Friedrich Richter – einem wichtigen Protagonisten der pharmazeutisch-alchemischen Arbeit am Halleschen Waisenhaus – stammen, erschien 2017 im Verlag der Franckeschen Stiftungen:

Christian Friedrich Richter: Von der Apotheke und Artzney-Wesen bey dem Wäysenhause zu Glaucha an Halle. Drei Quellentexte zur Waisen-haus-Apotheke und Medikamenten-Expedition. Mit einer Einführung von Claudia Weiß. Halle 2017 (= Kleine Texte der Franckeschen Stiftungen 17).

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