Forschungen zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen

Innenansicht der barocken Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen mit dem Weltenmodell als zentralem Ausstellungsstück, umgeben von historischen Sammlungsschränken.
Thomas MeinickeBlick in die Kunst- und Naturalienkammer mit zentralem Weltenmodell

Kontinuierliche Weitererforschung der bedeutenden Wunderkammer des Barock mit aktuellen Ansätzen und internationalen Perspektiven

Projekt

Auch heute noch begeistert das Kunst- und Naturalienkabinett Besucher:innen jeden Alters. Als einziges vollständig erhaltenes barockes Kuriositätenkabinett Deutschlands verkörpert es das originale Museumskonzept des 18. Jahrhunderts. Die einzigartige Verbindung von Kunst und Natur im Kabinett wirft bis heute zentrale Fragen der Wissensgeschichte auf. Die interdisziplinäre Erforschung dieses Erbes bleibt daher ein zentrales Anliegen der modernen Geistes- und Naturwissenschaften.

Veranstaltungen

300 Jahre Neugier. Perspektiven der Wunderkammerforschung

Interdisziplinäre Tagung begleitend zur gleichnamigen Jahresausstellung, 27.-28. November 2025, Franckesche Stiftungen

Seit ihrer Rekonstruktion und Wiedereröffnung 1995 ist in vielen unterschiedlichen akademischen Kontexten Wissen zu den Objekten und Konzepten der halleschen Wunderkammer erarbeitet und publiziert worden. Gleichwohl, so die paradoxe Einsicht, hat es bislang keine Tagung gegeben, die sich thematisch übergreifend und systematisch der Kammer zuwendet, vorhandenes Wissen darstellt, neue Einsichten und Thesen formuliert und damit nach der Zukunft der Kammer fragt. Denn die Sammlung hält nach wie vor eine Vielzahl von ungelösten Fragen und Zusammenhängen bereit – und sie zeigt sich immer wieder auf verblüffende Weise fähig, gegenwärtige Fragen anhand ihrer Objekte und Präsentationen diskutieren zu können. Begleitend zur Jahresausstellung trafen sich nun erstmals Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen, um gemeinsam Perspektiven für die weitere Erforschung zu entwerfen.

Frühneuzeitliche englische und deutsche Sammlernetzwerke und -praxis: Medizin und Naturphilosophie

Workshop, 8./9. Juni 2018, Leopoldina, Halle

Der Wandel von der gezielt und spielerisch ungeordneten Kunstkammer zum geordneten Aufklärungsmuseum ist bekannt. Was noch nicht vollständig erforscht ist, ist der Prozess, durch den diese Transformation erfolgte. Dieser zweitägige Workshop wird die Rolle der gelehrten Gesellschaften in diesem Wandel zwischen England und den deutschsprachigen Ländern untersuchen und sich dabei auf den relativ wenig untersuchten Zeitraum von der Gründung der Leopoldina als medizinische Vereinigung (1652) bis zum Beginn der Präsidentschaft der Royal Society unter Joseph Banks (1778) konzentrieren. Es soll untersucht werden, warum Ärzte in beiden Regionen eine so entscheidende Rolle beim Sammeln sowie als Kenner zu spielen schienen. Hatten die Mediziner der Leopoldina, der Society of Antiquaries in London und der Royal Society ähnliche Sammelpraktiken, Strategien und Gründe für das Sammeln? Welchen Beitrag leisteten sie zur Schaffung von Wunderkammern und frühen Museen sowie zur Entwicklung von Normen der Kennerschaft und der Klassifizierung von Wissen?

Dieser Workshop war Teil eines Networking grant award des Arts and Humanities Research Council (AHRC): Collective Wisdom: Collecting in the Early Modern Academy. (Principal Investigator: Anna Marie Roos (University of Lincoln), Co-Investigator: Vera Keller (University of Oregon)).

Topografien frühneuzeitlicher Sammlungen – Historische Konturen und aktuelle Forschungen

Gemeinsames Arbeitsgespräch der Franckeschen Stiftungen und des Leopoldina-Studienzentrums am 14. Juni 2017

Organisation und Leitung:
Rainer Godel (Studienzentrum der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften)
Holger Zaunstöck (Stabsstelle Forschung – Franckesche Stiftungen)

Die in der Frühen Neuzeit an Fürstenhöfen, im bürgerlichen Kontext und im Zusammenhang mit Akademien, Gelehrten Gesellschaften und auch Schulen entstandenen Kunst- und Naturalienkammern sowie Spezialsammlungen sind seit den 1990er Jahren mit einer inzwischen methodisch und sachthematisch weit ausdifferenzierten Palette von Forschungsansätzen betrachtet worden. Neben den »Leuchttürmen« der Sammlungen hat es in einer bislang kaum zu übersehenden Vielzahl Sammlungen gegeben, die nur temporär existierten, die weniger umfangreich waren oder die bestimmten Nutzungskontexten bzw. Personen zugeordnet werden können. Ein diesbezüglich auf  Grundlagenforschung ausgerichtetes Projekt ist ein Desiderat. Ein Arbeitsgespräch am 14. Juni 2017 hat vor dem Hintergrund aktueller Forschungsprojekte zu konkreten Fallstudien aus dieser Vielzahl von  Sammlungen und Sammlungstypen nach deren Topografien, Vernetzungen und Öffentlichkeiten gefragt.

Internationales und Kooperationen

Die Franckeschen Stiftungen als Teil des Wunderkammer-Netzwerks AEUM

Die »Alliance of Early Universal Museums« (AEUM) wurde am 13. Oktober 2020 in Halle durch die Franckeschen Stiftungen, das Museum für Anthropologie und Ethnographie »Peter der Große« – Kunstkamera in St. Petersburg (Russland), das Teylers Museum in Haarlem (Niederlande) und den Wunderkammer-Experten Arthur MacGregor (Großbritannien) gegründet. Der Verbund hat es sich zur Aufgabe gemacht, aktuelle Fragen des musealen Umgangs mit überlieferten Wunderkammern oder deren erhaltenen Bestandteilen, der Provenienzforschung sowie der Entwicklung von Zukunftsszenarien zu ihrer Erforschung und Präsentation in einem breit aufgestellten Fachgremium zu diskutieren und zu publizieren.

Historische Weltkarte des Herzogs von Burgund, Kupferstich von Alexis Hubert Jaillot aus dem Jahr 1694, Paris, zeigt detaillierte geographische Darstellungen der damaligen Welt

Alliance of Early Universal Museums

Ziel des Verbundes ist es, aktuelle Fragen des musealen Umgangs mit überlieferten Sammlungen oder deren erhaltenen Bestandteilen, der Provenienzforschung sowie der Entwicklung von Zukunftsszenarien zu ihrer Erforschung und Präsentation in einem breit aufgestellten Fachgremium zu diskutieren und zu publizieren.

AEUM

Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Die Stabsstelle Forschung ist Kooperationspartner des von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekts „Sammeln in der Stadt um 1600. Die Kunst- und Wunderkammer des Medicus Lorenz Hoffmann im Kontext der europäischen Sammlungs- und Wissenskulturen“, das von Berit Wagner (Frankfurt/Main) geleitet und bearbeitet wird. Es ist geplant, eine gemeinsame Tagung in Halle durchzuführen.

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Publikationen

MDR-Podcast »Weltgeschichte vor der Haustür«

Nicht nur vor unserer Haustür, sondern mittendrin: Der MDR-Podcast Weltgeschichte vor der Haustür war bei uns zu Gast.

Auf den Spuren des Phänomens Wunderkammer werden in der Kunst- und Naturalienkammer die Schränke aufgeschlossen. Spannendes und Kurioses kommt dabei zum Vorschein, vom chinesischen Frauenzimmerschuh bis hin zur Glasfaserperücke. Die Objekte der Kammer und ihre Ordnung erzählen viel über das Sammeln und Ausstellen im 18. Jahrhundert und heute und auch die einzigartige Atmosphäre des Raumes lädt zum Erkunden ein. Der Beitrag erzählt die Entstehungsgeschichte der Kammer und der Umstände ihrer Zeit. Wer die Kammer gestaltete, wie die Sammlung zusammengetragen wurde und wer sie damals besuchen durfte beleuchtet der Podcast mit vielen Anekdoten und geschichtlichen Hintergründen. 

Ein besonderes Augenmerk wird dabei auch auf die Herbarblätter und den Pflanzenschrank gelegt. Der gemeinsame Rundgang durch die Kunst- und Naturalienkammer gibt Einblicke in das Lebenswerk August Hermann Franckes und die Erziehung und Schulbildung im 18. Jahrhundert. 

Blick in den sogenannten Animalienschrank der barocken Kunst- und Naturalienkammer: konservierte Tiere sowie einzelne Tierpräparate wie Hörner, Panzer und Krallen werden darin aufbewahrt.

Kultur erleben

Weltgeschichten vor der Haustür: Wahre Wunder – Die Kunst- und Naturalienkammen in den Franckeschen Stiftungen

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Open-Access-Aufsatz zur Geschichte der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen

Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle nimmt in der Museumsgeschichte in Europa einen herausgehobenen Platz ein. Sie repräsentiert eine untergegangene Sammlungs- und Zeigekultur der Vormoderne. Die Kammer im Mansarddach des Historischen Waisenhauses visualisierte Gottes Schöpfung eingefangen in einem Makrokosmos-im-Mikrokosmos-Modell. Sie ist damit eines der überaus seltenen Beispiele für den Erhalt einer Kunst- und Naturalienkammer aus der Frühen Neuzeit in Bezug auf das räumliche Setting, die Objekte, das Mobiliar sowie das ursprüngliche Ordnungskonzept der Sammlung. Doch die Frage lautet: Warum ist das so?

Holger Zaunstöck: „Seit Jahrzehnten tot und der Vergessenheit anheimgefallen“? Überlieferungsbedingungen für die Kunst- und Naturalienkammer in der Schulstadt Franckesche Stiftungen. In: Jan Brademann/Gerrit Deutschländer/Matthias Meinhardt (Hg.): Sammeln und Zerstreuen. Bedingungen historischer Überlieferung in Sachsen-Anhalt. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2021 (Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts 21), S. 171–206.

Essay zum Modell des Waisenhauses in der Kunst- und Naturalienkammer erschienen

Holger Zaunstöck: What Am I, Actually? The Model of the Halle Orphanage. In: Anna-Maria Meister / Teresa Fankhänel / Lisa Beißwanger / Chris Dähne / Christiane Fülscher / Anna Luise Schubert (Hg.): Are You a Model? On an Architectural Medium of Spatial Exploration. Berlin 2024, S. 174–178, (jovis.de).

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Buch zu Teyler’s Museum in Haarlem erschienen – Stabsstelle Forschung beteiligt

Ein umfangreicher Band zur Geschichte von Teyler’s Museum in Haarlem ist 2020 im Brill Verlag (Leiden/Boston) erschienen. Das Museum ist zusammen mit der Kunstkamera St. Petersburg und den Franckeschen Stiftungen Gründungsmitglied der »Alliance of Early Universal Museums«. Das interdisziplinär angelegte und aufwendig gestaltete Buch geht zurück auf eine internationale Tagung in Haarlem 2017. Es wurde herausgegeben von den niederländischen Sammlungshistorikerinnen Ellinoor Bergvelt und Debora Meijers. Die Stabsstelle Forschung war bei der Tagung und ist nun am Buch beteiligt – ihr Leiter, der Historiker Holger Zaunstöck, stellt darin den Besuch des Stiftungsdirektors August Hermann Niemeyer in Haarlem vor und ordnet diesen Moment in die Museumsgeschichte ein: »Visiting Haarlem: August Hermann Niemeyer, the Cabinet of Artefacts and Natural Curiosities at the Halle Orphanage, and Teyler’s Museum«.

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Online-Publikation »Museum Audiences in the Early Modern Period – Visiting the Halle Orphanage and its Collections«

Schon vor dreihundert Jahren herrschte im Halleschen Waisenhaus ein reges Treiben durch Besuchende. Die gezielte Öffnung der Naturalienkammer und der Schulstadt für Publikum traf auf breites Interesse aller Schichten und führte zugleich auch zu erheblichen Problemen im Alltag. Die Herumführer klagten über Überlastung und Unordnung. Studenten machten Ärger und wollten sich nicht den Vorschriften fügen. Deshalb arbeiteten die Franckeschen Stiftungen schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts an Maßnahmen für einen geregelten Besucherverkehr.

Holger Zaunstöck: Museum Audiences in the Early Modern Period – Visiting the Halle Orphanage and its Collections. In: Кунсткамера │ Kunstkamera, St. Petersburg, Issue 4 (10) 2020, p. 32–48.

Detailaufnahme eines kunstvoll arrangierten Blumengesichts als Bekrönung eines historischen Pflanzenschranks aus der Kunst- und Naturalienkammer, inspiriert von Giuseppe Arcimboldo.

300 Jahre Neugier – Verborgenes Wissen aus der Wunderkammer des Halleschen Waisenhauses

Nach intensiver Forschungs- und Rekonstruktionsarbeit wurde die Kunst- und Naturalienkammer im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen in Halle im Oktober 1995 wiedereröffnet. Sie ermöglicht einen direkten Zugang zur Sammlungskultur der Frühen Neuzeit. Die Kammer verweist darauf, dass die Besuchenden in den Sammlungen des 16. bis 18. Jahrhunderts staunen sollten und staunen wollten. Über diese Faszination wurde Neugier ausgelöst, die zur Beschäftigung mit den präsentierten Objekten anregte.

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